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Max Frisch

 

Gegen eine Dramaturgie der Fügung; Berlin 1967/68

   

Wir wissen, daß Dinge geschehen, nur wenn sie möglich sind; daß aber tausend Dinge, die ebenso möglich sind, nicht geschehen, und alles könnte immer auch ganz anders verlaufen. Das wissen wir, aber es zeigt sich nicht, solange auf der Bühne (wie in der Realität) nur ein einziger Verlauf stattfindet. Wo bleiben die ebenso möglichen Varianten? Jeder Verlauf auf der Bühne, der eben dadurch, daß er stattfindet, alle anderen Verläufe ausschließt, mündet in die Unterstellung eines Sinnes, der ihm nicht zukommt; es entsteht der Eindruck von Zwangsläufigkeit, von Schicksal, von Fügung. Das Gespielte hat immer einen Hang zum Sinn, den das Gelebte nicht hat.

 

Autoren im Haus. Zwanzig Jahre Literarisches Colloquium Berlin. Herausgegeben von Walter Höllerer. 1982, S. 34

       

Karl Kirsch

           
 

Die Matrosen

Stückgedicht für Chor und mehrere Spieler

  Es spielt auf einem offenen Platz am Vorabend der Revolution 1918. Wir erleben die Subjektwerdung eines Kollektivs durch Sprache und damit eine entschieden politische Auseinandersetzung mit Geschichte, die den Ton eines authentischen Pathos findet.
CHORFÜHRER
Ein Haufen Dreck sind wir den Offizieren.
CHOR
...der Krieg. Verblutet sind wir, ohne Atem aufgequollen vom Gas, ...
CHORFÜHRER
Doch die, wenn die nicht grad der Teufel reitet –
CHOR
... verreckt zu, ach, wie Fliegen, ungezählt. Und abgesoffen in eisernen Pötten, in die ein Schuß das Meer von unten brach.
CHORFÜHRER
Nicht wahr, im Rettungsboot, wer findet Platz?
       

Berliner Theaterautoren-Werkstatt 1988. Herausgabe und Redaktion Ursula Ahrens. Literarisches Colloquium Berlin 1989, S. 26

 
           
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